Gewaltfreie Kommunikation (GFK)

Die Gewaltfreie Kommunikation (GFK) ist ein Handlungskonzept, das von Marshall B. Rosenberg entwickelt wurde. Es ermöglicht Menschen, so miteinander umzugehen, dass der Kommunikationsfluss zu mehr Vertrauen und Freude am Leben führt.
Das Konzept entstand aus Rosenbergs Auseinandersetzung mit der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung in den frühen 1960er Jahren. Er half dabei, die Rassentrennung an Schulen und Institutionen auf friedvollem Wege rückgängig zu machen.
GFK kann in diesem Sinne sowohl bei der Kommunikation im Alltag als auch bei der friedlichen Konfliktlösung im persönlichen, beruflichen oder politischen Bereich hilfreich sein. Im Vordergrund steht nicht, andere Menschen zu einem bestimmten Handeln zu bewegen, sondern eine wertschätzende Beziehung zu entwickeln, die mehr Kooperation und gemeinsame Kreativität im Zusammenleben ermöglicht.
Manchmal werden auch die Bezeichnungen „Einfühlsame Kommunikation“, „Verbindende Kommunikation“, „Sprache des Herzens“ oder „Giraffensprache“ verwendet.

Die Giraffe ist das Symboltier für die Gewaltfreie Kommunikation. Der lange Hals soll die Weitsicht symbolisieren. Dass sie das größte Herz bei den Landsäugetieren habe, stehe für Mitgefühl.
Da Giraffen in kleinen Herden zusammen leben, ist auch dieser Aspekt für den Menschen als Zoon Politikon von Bedeutung.

Marshall Rosenberg bei einem Workshop über Gewaltfreie Kommunikation, Israel (1990)

Grundmodell der GFK

Die vier Schritte der GFK sind Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis, Bitte.
Ein perfekter Aussagesatz sieht so aus: „Wenn ich a sehe, dann fühle ich b, weil ich c brauche. Deshalb möchte ich jetzt gerne d.“
(a
… Beobachtung; b … Gefühl; c … Bedürfnis; d … Bitte)

Dieses Formulierungsmuster hilft eine Verbindung zu den jeweiligen Gegenübers aufzubauen zu können und eine Beziehung auf Augenhöhe zu gestalten.

  1. Beobachtung bedeutet, eine konkrete Handlung (oder
    Unterlassung) zu beschreiben, ohne sie mit einer Bewertung oder
    Interpretation zu vermischen. Es geht hierbei darum, nicht zu bewerten,
    sondern die Bewertung von der Beobachtung zu trennen, so dass das
    Gegenüber Klarheit erhält, worauf man sich bezieht.
  2. Die Beobachtung löst ein Gefühl aus, das im Körper wahrnehmbar ist und mit mehreren oder einem …
  3. Bedürfnis in Verbindung steht. Damit sind allgemeine
    Qualitäten gemeint, die vermutlich jeder Mensch auf Erden gerne in
    seinem Leben hätte, wie zum Beispiel Sicherheit, Verständnis,
    Kontakt oder Sinn. Gefühle sind laut GFK eine Art Indikator bzw.
    Ausdruck dessen, ob ein Bedürfnis gerade erfüllt ist oder nicht. Für den
    einfühlsamen Kontakt sind Bedürfnisse sehr wichtig, da sie den Weg zu
    einer kreativen Lösung weisen, die für alle Beteiligten passt.
  4. Aus dem Bedürfnis geht schließlich eine Bitte um eine
    konkrete Handlung im Hier und Jetzt hervor. Um sie möglichst erfüllbar
    zu machen, lassen sich Bitten und Wünsche unterscheiden: Bitten beziehen
    sich auf Handlungen im Jetzt, Wünsche dagegen sind vager, beziehen sich
    auf Zustände („sei respektvoll“) oder auf Ereignisse in der Zukunft.
    Erstere sind leichter zu erfüllen, haben deshalb auch mehr Chancen auf
    Erfolg. Rosenberg schlägt außerdem vor, Bitten in einer „positiven
    Handlungssprache“ zu formulieren – d. h. zu sagen, was man will, statt
    was man nicht will. Man kann unterscheiden zwischen einer Handlungsbitte (beispielsweise darum, die Geschirrspülmaschine auszuräumen) und einer Beziehungsbitte (beispielsweise um eine Beschreibung der eigenen Empfindungen).

Geschichte und Verbreitung

Rosenberg hat an der University of Wisconsin–Madison in klinischer Psychologie promoviert und seine Erfolge in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung bei der Aufhebung der  Rassentrennung auf friedvollem Wege rückgängig zu machen. Dieses Wissen hat er Zeit seines Lebens durch Trainingskurse in Schweden, der Schweiz, Italien, Deutschland, Israel, Dänemark, Polen, Ungarn, Malaysia, Indien, den USA und vielen weiteren Staaten weitergegeben, gerade auch in Krisengebieten und ökonomisch benachteiligten Regionen wie Palästina, Serbien und Ruanda.  t

1994 haben serbische Pädagoginnen und Psychologen – unterstützt von UNICEF – ein dreibändiges Werk zum Erlernen Gewaltfreier Kommunikation nach Rosenbergs Methode für Kindergärten und Schulen entwickelt. Rosenberg hat auch ein speziell auf Kinder zugeschnittenes Konzept des Lernens der GFK entwickelt.

Das Konzept der GFK kann in vielen Bereichen verwendet werden, so etwa in Bildungseinrichtungen, Organisationen, Institutionen, privaten Beziehungen, Therapie, Beratung, Verhandlungen, Diplomatie und überall, wo Konflikte auftreten. Viele Coaching– und Mediations-Agenturen bieten Fortbildungen und Seminare zur GFK an und nutzen sie zur Bearbeitung von Konflikten.

Theoretischer Hintergrund

Die GFK steht in der Tradition der klientenzentrierten Psychotherapie, die Rosenbergs Lehrer Carl Rogers entwickelte. Das aktive Zuhören
steht bei Rogers im Mittelpunkt, die GFK geht jedoch über den
gesprächstherapeutischen Rahmen hinaus. Beeinflusst ist die GFK auch von
Mahatma Gandhi und seinen Überlegungen zur Gewaltfreiheit, Ahimsa genannt, die auf den Upanishaden basieren. Viele Elemente der GFK finden sich auch in anderen Konfliktlösungstechniken, wie im Gütekraft-Konzept von Martin Arnold, der Mediation und den Win-Win-Strategien.

Grundannahmen

Empathie
ist nach Rosenberg eine Grundvoraussetzung gelingender Kommunikation.
Er geht davon aus, dass die Form, in der Menschen miteinander
kommunizieren, einen entscheidenden Einfluss darauf hat, ob sie Empathie
für ihr Gegenüber entwickeln und ihre Bedürfnisse
erfüllen können. Außerdem nimmt er an, dass Menschen unter freien
Bedingungen die empathische Verbindung zum Mitmenschen suchen. Die GFK
soll helfen, sich ehrlich und klar auszudrücken und empathisch
zuzuhören. Sie ist auf die Bedürfnisse und Gefühle gerichtet, die hinter Handlungen und Konflikten stehen. Sie ist weniger als eine Kommunikations-Technik
zu betrachten, sondern mehr als eine Bewusstwerdung über Möglichkeiten
des empathischen Kontaktes. Dabei ist es prinzipiell nicht nötig, dass
beide Kommunikationspartner GFK anwenden – auch wenn es, gerade für
Anfänger oder in privaten menschlichen Beziehungen, sehr hilfreich ist,
wenn beide wissen, wie viel Potenzial in der einfühlsamen Verbindung
steckt. In der GFK ist die Empathie unter zwei Gesichtspunkten
bedeutsam. Neben der Einfühlung in eine andere Person ist auch die
Selbstempathie wichtig, um Klarheit in einer Situation zu erhalten und
damit zu ermöglichen, Strategien zu finden, die der Bedürfniserfüllung
auf allen Seiten dienen.[3][4]

Rosenberg nimmt an, dass jeder Mensch gern bereit sei, etwas für
einen anderen Menschen zu tun, sofern bestimmte Bedingungen erfüllt sind
(z. B. die Anfrage als Bitte formuliert ist und nicht als Forderung, er
nicht den Eindruck hat, dadurch eine Pflicht abzuarbeiten oder den
anderen in eine Pflicht zu setzen und so weiter). Dieses Menschenbild
geht auf die der humanistischen Psychologie entlehnte Haltung zurück, in
einer schädigenden Aktion eines Individuums nicht den Ausdruck des
inneren Wesens zu sehen, sondern die „fehlgeleitete“ Strategie eines
eigentlich lebensdienlichen Impulses. Rosenberg bezieht sich besonders
auf Carl Rogers. So nennt Rosenberg jede Form von Gewalt einen
tragischen Ausdruck eines unerfüllten Bedürfnisses.

Annahmen zur Konfliktentstehung

Rosenberg nennt mehrere Auslöser, die zu Konflikten führen können[5]:

  • Statische Sprache:
    Laut Wendell Johnson entstünden Probleme beim Versuch, die sich ständig
    wandelnde Welt mit einer statischen Sprache zu beschreiben oder gar
    einzufangen. Rosenberg empfiehlt stattdessen eine prozessorientierte
    Sprache. Beobachtungen sollten „konkret bezogen auf die Zeit und den
    Handlungszusammenhang“ formuliert werden (S. 45). (Siehe auch: Konkretisierung und situativ variabler Attributionsstil)
  • Verknüpfung von objektiver Beobachtung mit subjektiver Bewertung: Er trete nicht dafür ein, objektiv zu bleiben, sondern objektiv prüfbare Beobachtungen und subjektive Bewertungen zu trennen. (S. 45) Er schließe sich damit J. Krishnamurti an, nach dem die Fähigkeit, ohne Bewertung zu beobachten, die höchste Form menschlicher Intelligenz sei. (S. 48) (Siehe auch: Beobachtungssatz).
  • Kritik anstatt Wünschen: „Und wenn Menschen etwas hören, das […]
    nach Kritik klingt, dann neigen sie dazu, ihre Energie in die
    Verteidigung oder in einen Gegenangriff zu stecken.“ (S. 73) Dadurch
    sinke die Bereitschaft, auf eine Bitte empathisch einzugehen.

Rosenberg unterscheidet zwei Arten zwischenmenschlicher Kommunikation, die Gewaltfreie Kommunikation und die lebensentfremdende Kommunikation. Zur spielerischen Veranschaulichung wird in Vorträgen und Seminaren dies auch als „Giraffensprache“ und „Wolfssprache“ bezeichnet.

Lebensentfremdende Kommunikation

Unter lebensentfremdender Kommunikation versteht Rosenberg Formen der
Kommunikation, die Verbindungen zwischen Menschen blockieren und zu psychischer oder physischer Gewalt beitragen können. Lebensentfremdende Kommunikation sei gekennzeichnet durch folgende Eigenschaften:

  1. Das (moralische)
    Urteilen über den Kommunikationspartner. Dazu gehört das Zuschreiben
    von Eigenschaften an die Person (z. B. „gut/böse“, „gerecht/ungerecht“,
    „gesund/krank“), auch wenn es implizit als Vermischung von Beobachtung
    und Bewertung geschieht. Eine Form der impliziten Verurteilung können
    als Gefühle dargestellte Bewertungen sein, zum Beispiel „ich fühle mich
    provoziert“. Hier wird der Kommunikationspartner indirekt als Provokateur
    bezeichnet. Wichtig ist, dass in der GFK Bewertungen nicht abgelehnt
    werden (ein häufiges Missverständnis). Es wird vielmehr als hilfreich
    angesehen, Handlungen anderer zwar zu bewerten, aber mit Bezug auf die
    eigenen Gefühle und Bedürfnisse und nicht mit Bezug auf moralische
    Kategorien.
  2. Das Anstellen von Vergleichen: Dies ist nach Marshall Rosenberg eine weitere Form von Verurteilung.[6]
  3. Das Leugnen der Verantwortung
    für eigene Gefühle und Handlungen, wie zum Beispiel in „Ich fühle mich
    so, weil du mich mies behandelst.“ Oder: „Ich musste das tun, der Chef
    hat’s angeordnet.“
  4. Das Stellen von Forderungen anstatt von Bitten.
    Der Unterschied zwischen Bitte und Forderung liegt in der Konsequenz
    dessen, was passiert, wenn das Gegenüber das Ansinnen ablehnt.[5]
    Im Falle einer Ablehnung erlaubt die Bitte beim Gegenüber eine flexible
    Suche nach anderen Möglichkeiten des Entgegenkommens. Bei einer
    Forderung hingegen drohen Sanktionen. Dies muss nicht immer in Form von
    offensichtlichen Strafen geschehen, möglich ist auch die Erzeugung von
    Angst oder Schuldgefühlen beim Gegenüber (z. B. durch Schweigen oder
    Vorwürfe).

Um das Problem nicht fortzusetzen, wäre der Anspruch aus der
Gewaltfreien Kommunikation, einen Menschen, der sich
„lebensentfremdender Kommunikation“ bedient, nicht moralisch zu
verurteilen. Auch hinter dieser Form der Kommunikation stehen unerfüllte
Bedürfnisse, deren Wahrnehmung allerdings schwieriger sein kann.

Auch als Haltung für das empathische Zuhören empfiehlt Rosenberg,
aus dem, was der andere sagt, diese vier Informationen herauszufiltern,
da sie in der Regel das Herz der Botschaft darstellen. Zur Überprüfung,
ob seine Deutung stimmt, kann der Zuhörende anbieten, was er in Form
der vier Schritte hört („Fühlst du …, weil dir … wichtig ist?“). Das
kann auch hilfreich sein, wenn der Sprecher durch dieses Spiegeln selber
mehr Klarheit darüber gewinnt, was er eigentlich ausdrücken will. Das
ausgesprochene und stille empathische Zuhören ist ein wesentlicher
Aspekt der Anwendung von GFK.

Das formale Grundmodell ist nach Rosenberg eine Art
Übergangshilfe für die Schulung der Aufmerksamkeit, nicht jedoch ein
Ersatz für die Alltagssprache. Man braucht in der Regel erhebliche
Übung, bis die GFK in der Alltagssprache zu einer flüssigen
Kommunikation wird.

Wenn eine Problemlösung im Gespräch nicht möglich ist und zur
Setzung von Grenzen führt, spricht Rosenberg von der schützenden
Anwendung von Macht, die er von der strafenden Anwendung unterscheidet.
Während letztere den Fokus hat, menschliches Verhalten auf Basis von
Selbsthass zu ändern, geht es bei ersterer darum, weitere Verletzungen
zu verhindern und für Schutz zu sorgen, aus dem heraus überhaupt erst
wieder die Bereitschaft entstehen kann, erneut in Kontakt zu treten.