Krankheitsgewinne

Der Begriffe des Krankheitsgewinns (engl.: morbid gain) beschreibt eine die objektiven und/oder subjektiven Vorteile, die eine tatsächlich oder vermeintlich kranke oder leidende Person (oder auch ihr Umfeld) aus diesem Leiden zieht. Dies betrifft auch viele dysfunktionale Verhaltensweisen, die Aufmerksamkeit erzwingen, und so eine Möglichkeit darstellen, die kranke Person in den Mittelpunkt zu rücken und andere Menschen quasi zur Zuwendung zu zwingen. Solche Mechanismen der Aufmerksamkeits- und Energiesteuerung sind auch für systemische Perspektiven von Bedeutung.

Die Einteilung in primären  und sekundären Krankheitsgewinn stammt von Sigmund Freud, die Erweiterungen in tertiären und quartären entstanden in der zweiten Hälfte des 20 Jahrhunderts.

Sobald ein Mensch die Rolle des Kranken einnimmt, kann er in der europäischen Kultur in der Regel davon ausgehen,

  • von Alltagspflichten entbunden zu werden,
  • Anteilnahme / Mitleid / Mitgefühl zu erfahren und/oder
  • von seiner Umwelt schonend behandelt zu werden.

Auch kann der Kranke mit wirtschaftlicher Unterstützung von Sozialversicherungsträgern rechnen; er wird dadurch teilweise oder ganz von der eigenen Erwerbsarbeit entbunden.

Primärer, innerer Krankheitsgewinn

Der primäre oder innere Krankheitsgewinn besteht in inneren oder direkten Vorteilen, die der kranke Mensch aus seinen Symptomen zieht. Unangenehm empfundene Situationen oder Konflikte können so beispielsweise vermieden werden. Obwohl das Symptom als unangenehm erlebt wird, erlaubt es dem/r Kranken, keine sofortige und vielleicht sogar aus dem Konflikt herausführende Entscheidung treffen zu müssen.
Viele Konflikte, in denen die Person steht, werden auch gar nicht erst erkannt. Der Zusammenhang zwischen Konflikt und Krankheitssymptomen wird nicht für möglich gehalten und bleibt unbewusst.
Das Symptom kann auch unbewusst dazu dienen, unangenehmeren Konflikten aus dem Weg zu gehen. Das plötzliche Erkranken vor einer schweren Prüfung, z.B. eine hysterische Blindheit, hilft, die angstauslösende Situationen der Prüfung nicht mehr sehen zu müssen.

Sekundärer, äusserer Krankheitsgewinn

Der sekundäre oder äussere Krankheitsgewinn besteht in den äußeren Vorteilen, die der kranke Mensch aus bestehenden Symptomen ziehen kann, wie dem Zugewinn an Aufmerksamkeit und Beachtung durch seine Umwelt und/oder z. B. der Möglichkeit, im Bett bleiben zu können und dort Nahrung serviert zu bekommen. Stavros Mentzos sieht in diesem Aspekt eine allgemeine Bedeutung des Symptoms, die nicht nur bei der Hysterie, sondern auch bei anderen psychischen Auffälligkeiten wie etwa bei Zwängen und Phobien einen kommunikativen Aspekt dieser Symptomsprache offenbaren und damit gleichzeitig auch einen therapeutischen Zugang ermöglichen.[6]

Tertiärer und quartärer Krankheitsgewinn

Der tertiäre Krankheitsgewinn besteht in Vorteilen für die Umgebung des Erkrankten. Beispielsweise kann für Angehörige die zu erbringende Pflege als Bereicherung empfunden werden, da der Pflegende spürt, gebraucht zu werden, eine besondere Kompetenz erhält und sich so als Heilsbringer sehen kann. Im weitesten Sinne erhalten alle Berufe des Gesundheits- und Sozialwesens einen tertiären Krankheitsgewinn. Wenn man auch noch die Bildungsberufe miteinbezieht, besteht für viele dort tätige Menschen die Gefahrt, dass sie durch den Mechanismus des Helfersyndroms
Höchtsleistungen erbringen, die oft im Gegensatz zu ihrer Bezahlung stehen. 

Der quartäre Krankheitsgewinn bezeichnet schliesslich die ideologische Um- und Aufwertung des Leidens oder der Krankheit.

Unterscheidung zur Simulation

Die Idee des unbewussten Krankheitsgewinns ist vor allem im klischen Bereich sowhl von der Aggravation als auch der  Simulation zu unterscheiden:

  • Simulation ist eine absichtliche und bewusste Vortäuschung und Nachahmung der Krankheitssymptome ohne Krankheitswert.
  • Bei der Aggravation sind tatsächliche Krankheitsveränderungen vorhanden; diese werden absichtlich überbetont.

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