Perfektionismus

Bei vielen Hochbegabten äussert sich die Fähigkeit der schnellen Mustererkennung in einer ebenso schnellen Identifizierung von groben und feinen „Webfehlern“, Inkongruenzen und anderen Störfaktoren.
Das Wissen um einen möglichen idealen, störungsfreien Zustand eines Systems, vielleicht sogar die Kenntnis von Techniken und Methoden, diesen Zustand herbeizuführen, wird als Streben nach Vollkommenheit oder perfektionistisches Streben bezeichnet.

Wunsch nach Fehlerlosigkeit und Perfektion

Je nach Kontext wird werden die diesem Streben zugrunde liegenden hohen persönlichen Standards und auch die Organisiertheit der Individuen positiv wahrgenommen. In unseren funktionalen, ergebnisorientierten westlichen Gesellschaftsnormen ermöglichen sie oftmals beruflichen Erfolg und sozialen Aufstieg.
Vor allem in naturwissenschaftlichen Disziplinen lässt sich Perfektion leicht und relativ widerspruchsfrei definieren. Dazu gehören z.B. die Eleganz von Formeln oder Beweisführungen, präzise Berechnungen oder auch optimierte Codesequenzen in Programmiersprachen. In vielen anderen Fachbereiche sind solchen Kriterien weniger trennscharf oder auch gar nicht festlegbar.

Perfektionistische Besorgnis

Steigert sich die Fähigkeit zur Optimierung jedoch zu einer Übertriebenen Fehlervermeidung im Sinne einer perfektionistischen Besorgnis, kann sie die eigene Entwicklung und die positive Begegnung mit der Umwelt behindern. Leistungszweifel, hohe Fehlersensibilität oft verbunden mit Angst vor Bewertung können die Folge sein. Auf der Suche nach therapeutischen Anätzen haben sich daher viele Psychologische mit dem Phänomen des Perfektionismus beschäftigt.

Sollten Sie diese Unterseite lesen, weil Sie selbst oder auch eine Person in ihrem Unfeld davon betroffen ist, versuche ich Ihnen im Folgenden einen möglichst grossen Überblick zu geben. Dabei sind neuere Theorien und Modelle zuerst erwähnt, um auch bei Zeitknappheit optimale Informationen zu ermöglichen. Dies kommt Ihrem Perfektionismus entgegen. Gleichzeitig ist es unmöglich, sämtliche Informationen auf dieser Seite bereitzuhalten – ich vertraue hier auf Ihren Humor und ihr Verständnis für das Imperfekte.

Psychodynamisches Modell

Der Psychiater und Neurowissenschaftler Raphael M. Bonelli beschreibt in seinem Buch „Wenn das Soll zum Muss wird“ von 2014 Perfektionismus als angstvolles Vermeidungsverhalten,bei dem es zum Missverhältnis zwischen „Soll“, „Ist“ und „Muss“ kommt. Dabei steht

  • „Soll“ für einen Idealzustand, ähnlich einem Sollwert in der Technik.
  • „Ist“ für die persönliche Realität des Menschen, entsprechend dem Istwert.
  • „Muss“ für die übersteigerte, dysfunktionale Form des Soll“

Für psychisch gesunde Menschen sind eventuell auftretende Spannungen zwischen „Soll“ und „Ist“ leicht zu ertragen. Sie dienen sogar oft als intrinsische Motivation, sich weiterzuentwickeln. Perfektionist*innen hingegen ertragen diese Spannung nicht, weil für sie das (nie vollständig realisierbare) „Soll“ ein permanenter Vorwurf ist, noch nicht perfekt zu sein.

So mutiert das „Soll“ zum angstauslösenden „Muss“, das den eigenen Handlungsspielraum immer weiter einschränkt. Hintergrund ist eine überzogene Angst vor Fehlern und der damit verbundenen Kritik, die ängstlich-verkrampft vermieden wird.
„Es geht Perfektionist*innen nicht um die Perfektion an sich, sondern um die damit verbundene bombensichere Unantastbarkeit.“

Perfektionismus und Persönlichkeit

Sowohl Bonelli als auch Stumpf und Parker stellen einen hohen Zusammenhang zwischen dem Perfektionismus und den Big Five heraus. So korrelieren funktionale Perfektionismus-Facetten wie hohe persönliche Standards und Organisiertheit mit Gewissenhaftigkeit. Dagegen korrelieren dysfunktionale Facetten wie leistungsbezogene Zweifel und Fehlersensibilität mit Neurotizismus. Der psychodynamische Unterschied zwischen der Gewissenhaftigkeit und dem Perfektionismus ist, dass erstere als gesundes Perfektionsstreben intrinsisch motiviert ist, letzterer extrinsisch. Je mehr Angst im Spiel ist, umso höher der Neurotizismus und umso extrinsischer die innere Motivation.

Messmethoden

Funktionale und dysfunktionale Facetten des Perfektionismus können mit einer mehrdimensionalen Perfektionismus-Skala von Frost u. a. (MPS-F) ermittelt werden. Dieser Fragebogen besteht aus 35 Fragen, mit denen die von Frost in seinem Sechs-Facetten-Modell (siehe unten)  postulierten Ausprägungen erfasst werden können. Der Fragebogen wurde von Altstötter-Gleich & Bergemann (2006) ins Deutsche übersetzt und validiert.

Der MPS-F basiert zum Teil auf früheren eindimensionalen Ansätzen.

Das oben erwähnte Zwei-Facettenmodell unterscheidet nach dem Psychologen Don E. Hamachek nur zwischen einem normalen (funktionalen) und einem neurotischen (dysfunktionalen) Perfektionimus. Der funktionale Typ wird heute auch oft „Gewissenhaftigkeit“ bezeichnet, der neurotische, dysfunktionale Typus wäre der eigentliche Perfektionismus.

Sechs-Facetten-Modell von Frost et.al.

Randy O. Frost und Kollegen haben 1990 ein Modell mit sechs Facetten des Perfektionismus herausgearbeitet:

  • hohe persönliche Standards,
  • Organisiertheit,
  • Fehlersensibilität,
  • leistungsbezogene Zweifel,
  • Erwartung der Eltern und
  • Kritik durch Eltern.

Auch dieses Modell impliziert, dass Perfektionisten sich hohe Standards setzen und über eine ausgeprägte Werteordnung und Organisiertheit verfügen. Sie versuchen, Fehler zu vermeiden, keine Unentschlossenheit zu zeigen und legen großen Wert auf vergangene bzw. aktuelle Bewertung durch Eltern legen. Ich empfinde es hier wichtig, dass neben den Eltern natürlich auch Mitglieder der für die Betroffenen wichtigen Peer-Groups einen hohen Einfluss haben können. Da die meisten wertorientierten Introjekte aber in den ersten Lebensjahren gelegt werden, bilden die Beziehungen der Familienmitglieder im Elternhaus auch hier die Grundlagen.

Drei-Facetten-Zwei-Stufen-Modell

Die Psychologen Paul L. Hewitt und Gordon L. Flett stellten 1991 ein Drei-Facetten-Modell vor. Sie unterscheiden drei Arten des Perfektionismus in zwei Stufen: Die erste Stufe ist die Frage, von welcher Quelle die hohen Ansprüche ausgehen, und die zweite Stufe studiert, an welche Person sie sich richten. Daraus ergeben sich die drei Arten des Perfektionismus:

  • selbstorientierter Perfektionismus,
  • sozial vorgeschriebener Perfektionismus und
  • fremdorientierter Perfektionismus.

Perfektionismus und Gesundheit

In klinischen Studien wird dysfunktionaler Perfektionismus mit Störungsbildern wie Alkoholismus, Anorexia nervosa, Bulimia nervosa, Depression, Angst– und Zwangsstörungen, sexuelle Funktionsstörungen sowie Selbstmordgedanken in Verbindung gebracht.Der Hintergrund des Zusammenhangs zwischen perfektionistischem Denken und Fühlen einerseits und psychischen Krankheiten andererseits ist nach Bonelli der erhöhte innere Disstress bei Perfektionisten.

Personen mit hoher Ausprägung von Gewissenhaftigkeit hingegen begegnen Stress mit aktiven Copingstrategien, wodurch sie ihr Stresserleben reduzieren und positive Verstärkung erfahren, was ihre Befindlichkeit verbessert und ihre Anfälligkeit für psychische Störungen senkt. Therapeutisch sinnvoll ist also das psychotherapeutische Umwandeln von dysfunktionalen, neurotischen Perfektionsstreben (d.h. Perfektionismus) in funktionales, gesundes Perfektionsstreben (d.h. Gewissenhaftigkeit).

Genetische und soziale Ursachen

Sowohl der psychologische Faktor »Neurotizismus« als auch die »Gewissenhaftigkeit«, die beide mit dem Perfektionismus zusammenhängen, sind zu etwa 50 Prozent genetisch determiniert. So kann eine gewisse Neigung zum Perfektionismus angeboren sein.
Eine Zwillingsstudie von Federica Tozzi von 2004 stellte einen moderaten genetischen Effekt heraus.

Zweitens ist Perfektionismus durch Umwelteinflüsse, also in erster Linie durch die Erziehung und die Peers, verstärkbar. So kann er durch ein Verhalten der Eltern, das zum einen hohe Standards setzt und zum anderen zu wenig Wärme und Akzeptanz schenkt, verstärkt werde.

Auf der dritten Ebene ist perfektionistisches Verhalten auch ein angstvolles Vermeiden, gegen oder für das man sich entscheiden kann. Hier ist auch der Ansatz der Psychotherapie.

Ein Perfektionismus mit pathologischen Eigenschaften in Zusammenhang gebracht. Diese Ansicht wird u. a. durch einige empirische Befunde belegt, die allerdings auf einem zweidimensionalen Perfektionismus-Modell basierten. In Patientenstudien wurden erhöhte Perfektionismuswerte in Zusammenhang mit Depressionen, Zwangsstörungen und Essstörungen gebracht, und Studien mit nichtklinischen Probanden zeigten einen Zusammenhang zwischen hohem Perfektionismus und Stress, depressiven Symptomen, Ängstlichkeit und gestörtem Essverhalten.

(Diese Unterseite wurde letztmalig am 6. Januar 2019 aktualisiert.
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