Themenzentrierte Interaktion

In der Mitte der 1950er Jahre wurde die sogenannte themenzentrierte Interaktion (TZI) von Vertretern der Humanistischen Psychologie  zunächst in den USA, später in Europa und Indien entwickelt. Massgeblich waren hier Ruth Cohn, Norman Liberman sowie Yitzchak Zieman beteiligt.
Die TZI entstand vor dem theoretischen Hintergrund der Psychoanalyse, der Gruppentherapien sowie der Humanistischen Psychologie und berücksichtigt Erfahrungen aus der Gestalttherapie und der Gruppendynamik.

TZI findet in ganz unterschiedlichen Bereichen Anwendung: im Management, in der Hochschule, in der psychologischen Beratung und Therapie, in der Supervision, in der Erziehung, Sozial- und Sonderpädagogik, in der Erwachsenenbildung, in der Seelsorge, in der Pflege und auch der Bürgerbeteiligung.
Dabei bietet sie nicht nur augezeichnete Methoden für Moderator*innen und Mediator*innen sondern ermöglicht auch Gruppen sich selbst zu steuern (siehe Chairperson weiter unten).

Bürgerbeteiligung

Zu Themenzentrierten Interaktion meint einer der in Bürgerbeteiligung engagierten: Die Themenzentrierte Interaktion (TZI) zählt heute zu den meistverbreiteten Gruppenarbeitsverfahren. Im Mittelpunkt der Methode steht das Handeln im Spannungsfeld von Individuum, Gruppe, Aufgabe und Umfeld.

Gesund bleiben – auf allen Ebenen

Ruth Cohns ursprüngliches Anliegen sollte „dem ursprünglich gesunden Menschen ein Leben ermöglichen, in dem er gesund bleiben kann“. Dabei erweitert sie den Gesundheitheitsbegriff vom individuellen physischen und psychischen Wohlbefinden einer Einzelperson auch auf ihre politische Verantwortlichkeit in der Welt.
Drei Dimensionen stehen hierbei im Vordergrund: Autonomie, Wertschätzung und Wachstum. Diese Grundwerte finden sich natürlich auch in vielen anderen therapeutischen Systemen wieder.

Autonomie

„Der Mensch ist eine psycho-biologische Einheit. Er ist auch Teil des Universums. Er ist darum autonom und interdependent. Autonomie (Eigenständigkeit) wächst mit dem Bewusstsein der Interdependenz (Allverbundenheit).

Wertschätzung

“Wertschätzung „Ehrfurcht gebührt allem Lebendigen und seinem Wachstum. Respekt vor dem Wachstum bedingt bewertende Entscheidungen. Das Humane ist wertvoll, Inhumanes ist wertbedrohend.“[

Wachstum

Grenzen erweitern „Freie Entscheidung geschieht innerhalb bedingender innerer und äußerer Grenzen. Erweiterung dieser Grenzen ist möglich.“

Aus diesen Grundwerten lassen sich dann wiederum sehr schöne und vor allem praktikable Bilder und Handlungsvorschäge für therapeutische Prozesse entwickeln.

Die eigene „Chairperson“

Sei deine* eigene*r Vorsitzende*r, die Chairperson deiner selbst!
Darin steckt die Aufforderung, sich selbst, andere und auch die belebte und unbelebte Umwelt in den Möglichkeiten und Grenzen wahrzunehmen und jede Situation immer ein Angebot für die eigene Entscheidung anzunehmen.
Menschen haben immer Verantwortung für die Teilmacht, die ihm gegeben ist. Er ist für sein Tun und Lassen verantwortlich.


Günter Hoppe schlug 1994 als drittes Postulat vor: „Setze Dich mit Deiner äußeren Welt, Deinem Globe um Dich herum und seinem Abbild in Dir auseinander. Greife ein und verändere, was Du im Sinne der Humanisierung verändern kannst!“
Cohn lehnte dieses Postulat ab, da es nicht allgemeingültig sei, und formulierte ihrerseits als drittes Postulat: „Verantworte dein Tun und Lassen – persönlich und gesellschaftlich!“[5]

Störung hat Vorrang

Dieser auch vielen nicht therapeutisch tätigen Menschen bekannte Satz sollte besser als  Störungen nehmen sich Vorrang verstanden werden.
Dies betrifft sowohl individuelle Störungen, wenn sich beispielsweise überwältigende, oft sehr leidenschaftliche Gefühle momentan oder auch über längere Zeit hinweg als Muster äussern. 
Doch trifft es auch für Gruppen zu: wird gerade im politischen Kontext die Entscheidungsfindung durch die besonders Unzufriedenen bestimmt, drohen ganze Gesellschaftssysteme zu kippen.
Im therapeutischen Kontext werden Gruppenmitglieder daher ermutigt, bestehende Störungen direkt anzusprechen.

Denn Störungen nehmen sich im Alltag immer Vorrang – ob wir ihnen diesen einräumen oder nicht: Liegt eine Tanne quer zur Straße, wird der Radfahrer ihr Vorrang lassen müssen, wenn er sich nicht verletzen will.

Vierfaktorenmodell

TZI.png

Als sehr elegantes Arbeitsmodell wurde das folgende Vierfaktorenmodell entwickelt, das auch als TZI-Dreieck bekannt ist. Das Ich, das Wir (das je nach Kontext natürlich in vielen verschiedenen Ebenen  ausgeprägt sein kann) und das Es als das Thema des Konfliktes. Man könnte es auch als den „Elefanten im Raum“ bezeichnen, den alle geflissentlich übersehen wollen.
Alle drei Ebenen interagieren vor dem „Globe“, dem nicht veränderbaren Welthintergrund.

ICH die einzelnen Personen mit ihrer Biographie und ihrer Tagesform
WIR das sich entwickelnde Beziehungsgefüge der Gruppe (Interaktion)
ES der Inhalt, um den es geht, oder die Aufgabe, zu deren Erledigung die Gruppe zusammenkommt
Globe   das organisatorische, strukturelle, soziale, politische, wirtschaftliche, ökologische, kulturelle engere und weitere Umfeld, das die Zusammenarbeit der Gruppe bedingt und beeinflusst und das umgekehrt von der Arbeit der Gruppe beeinflusst wird

Aus dieser Vorstellung heraus haben sich viele Regeln entwickelt, die sich als Konfliktlösungstrategien sehr bewährt haben.
Mehr dazu finden Sie hier.