Ikigai – der Sinn des Lebens

Das Ikigai (生き甲斐 Lebenssinn) ist frei übersetzt „das, wofür es sich zu leben lohnt“,„die Freude und das Lebensziel“oder salopp ausgedrückt „das Gefühl, etwas zu haben, für das es sich lohnt, morgens aufzustehen“.

In der japanischen Kultur hat die oft langwierige und gründliche Selbsterforschung beim Streben und der Suche nach Ikigai eine wichtige Bedeutung. Es ist ein überaus persönlicher Vorgang und das Resultat kann daher von Individuum zu Individuum sehr verschieden sein. Findet oder hat ein Mensch sein Ikigai, bewirkt es für ihn ein Gefühl nach aussen hin sichtbarer Lebensfreude verbunden mit innerer Zufriedenheit.

Die sehr schöne Viererkombination, dass man Wertschätzung (und Bezahlung) für etwas erfährt, das man kann, das einem Freude bereitet, das gebraucht wird und gut für die Welt ist, hat den Begriff auch ins öffentliche Bewusstsein in westlichen Industrienationen befördert. Vielen Menschen hilft, diese vier Ebenen erstmals gemeinsam zu betrachten, weswegen ich es auch gerne im Rahmen meiner werteorientierten Coachingprozesse einsetze.

Entwicklung und Bedeutung des Begriffs

(Anmerkung: Die folgenden Texte sind eine Zusammenfassung verschiedener Quellen, darunter auch des ausgezeichneten Wikipedia-Artikels zu Ikigai, den ich Ihnen sehr ans Herz lege. )

Im Laufe der Zeit durchlief der Begriff Ikigai verschiedene Bedeutungen. Er taucht bereits im im Taiheiki im 14. Jahrhundert auf. Mit der Erhöhung des Lebensstandards in Japan durch den Aufschwung der 1960er-Jahre, setzte ein „Ikigai-Boom“ bei Büchern und in Zeitschriften ein, der bis heute anhält. Ikigai kann zwei verschiedene Konnotationen haben. Einerseits sind es bestimmte Interessensobjekte, Aktivitäten oder besondere Lebensumstände, die das Leben lebenswert machen (生き甲斐対象, ikigai taishō). Andererseits bezeichnet Ikigai auch das Gefühl, diesen Zustand der Lebensfreude erreicht zu haben (生き甲斐感, ikigai kan). In dieser Bedeutung entspricht es aus westlicher Sicht einem subjektiven Wohlgefühl, das das Empfinden eines Sinngehalts des Lebens (eine Bestimmung) umfasst und dabei „die Freude lebendig zu sein“ einschliesst. Im Deutschen wäre es „Lebenslust“ und „Lebenszweck“, im Französischen la joie de vivre und raison d’être und im Englischen The purpose of Life.

Im Zusammenhang mit dem Selbstverständnis der kulturellen Identität der japanischen Gesellschaft finden in den dortigen Medien Erörterungen zu den Fragen statt, welche gesellschaftlichen Ideale als Grundlage für Ikigai dienen sollten, was als Ikigai angesehen werden kann (und was nicht) und ob man Personen bei deren Suche nach Ikigai in organisierter Weise behilflich sein sollte (oder nicht).

Am Ende der 1980er und Beginn der 1990er Jahre – während einer Phase des deutlich wahrnehmbaren materiellen Überflusses in Japan – setzten sich Zeitungsartikel mit der „Schwierigkeit“ auseinander, Ikigai in einer Situation zu finden, in der alles zu jeder Zeit im Überfluss verfügbar sei. Seitdem sich dieser Zustand durch einen Abschwung der ökonomischen Gegebenheiten wieder veränderte, trat auch die mediale Diskussion dieses „Problems“ wieder in den Hintergrund.

Der Einzelne für sich und in der Gruppe

Verschiedene Autoren haben sich zu Ikigai geäußert, wobei sie es – je nach ihrem weltanschaulichem Standpunkt und damit verbundener Sicht auf die japanische Gesellschaft – entweder auf der Basis von Ittaikan (一体感, ‚(Gruppen-)Zugehörigkeitsgefühl‘, ‚Einssein mit der Gruppe‘), oder auf der Basis von Jiko Jitsugen (自己実現, ‚Selbstverwirklichung‘) begründet sehen. Hamaguchi verwendete seit 1985 dafür die Begriffe kanjin, ein Mensch, dessen Identität in den Beziehungen zwischen ihm selber und anderen liegt, was der soziozentrischen japanischen Identität entspreche, und kojin, ein Mensch, der sich als autonomes Wesen verstehe, wie es häufiger in der westlichen Kultur vorkomme. Dieses Selbstverständnis werde schon Kindern anerzogen: Während in Japan Kinder in allen Entwicklungsstufen shūdan seikatsu (集団生活, ‚Gruppenleben‘) lernen, werde im Westen mehr die Individualität der Persönlichkeit gefördert.

Ikigai – als Individdum und Teil der Gruppe

Beispiele verschiedener Sichtweisen

Die klinische Psychiaterin Kamiya Mieko (1914–1979) vertrat die Meinung, dass Ikigai nicht nur in der Anpassung an eine soziale Rolle, beispielsweise als Mutter, gefunden werden kann. In ihrem Buch, das 1966 erschien und mittlerweile mehr als 12 Auflagen erreicht hat, weist sie darauf hin, dass es Menschen gibt, die ihre bisherige soziale Position bewusst aufgeben, um ein ganz anderes, ein neues Leben zu führen, beispielsweise indem sie einer Berufung folgend Missionar werden oder als Forscher Familie und Freunde zurücklassen, um in einem fremden Land mit einer fremden Kultur zu leben und zu arbeiten. Der Buddhist Nikkyō Niwano (1906–1999), Begründer der Organisation Risshō Kōseikai (立正佼成会 „Gesellschaft für Aufrichtung von Recht und mitmenschlichen Beziehungen“) und ein Verfechter von Ittaikan, sah vor allem die Familie und ihr Umfeld – und darin auch die externe Arbeit, die familieninterne Produktivität, Verantwortung, Freizeit, den Zusammenhalt und altruistische Opferbereitschaft – als die natürliche Quelle für Ikigai. In seinem unreferenzierten Traktat von 1969 schreibt er beispielsweise, dass auch Senioren in diesem Zusammenhang weiter aktiv zum gemeinschaftlichen Leben beitragen sollten und „eher etwas für andere tun, als andere etwas für sie selber tun zu lassen“. Nikkyō plädiert damit für ein demokratisches, (nicht militärisch) diszipliniertes Japan, in dem das Ikigai des Einzelnen vor allem durch seine Rolle in der Gruppe erwächst.

Der Psychiater Tsukasa Kobayashi (* 1929) unterstützt die Sichtweise von Kamiya, argumentiert aber in schärferem Ton gegen die konventionellen Normen der japanischen Gesellschaft. Viele Firmenangestellte verhielten sich wie Arbeitsroboter, die der Illusion erliegen würden, dass sie mit ihrem Tun ihre Familie, ihre Firma und Japan unterstützten und darin ihr Ikigai fänden. Doch am Ende des Arbeitsprozesses würden sie feststellen, dass sie problemlos ausgetauscht werden könnten und in Wirklichkeit kein echtes Leben geführt hätten. Ikigai sei nicht durch materielle Güter zu erreichen, sondern erfordere eine „Freiheit des Geistes“.[10] Ikigai werde nicht nur fälschlich mit „der Arbeit“ assoziiert, sondern auch irrtümlich gleichgesetzt mit beispielsweise „Gateball“ (ゲートボール, Gētobōru, einem beliebten Seniorensport), „Blumenzüchten“ oder dem „Schreiben von Haiku“; ersteres sei aber Hatarakigai (働きがい, das Gefühl, dass die eigene Arbeit es wert sei, getan zu werden), die anderen Beispiele seien Asobigai (遊びがい, Spielereien, die die Zeit wert sind, die man mit ihnen verbringt). Aber Ikigai sei mehr: Auf der Basis menschlicher Lebenserfahrung und Erkenntnis sei es das Gefühl der Befriedigung von Wünschen und Erwartungen, von Liebe und von Glücklichsein – allein oder zusammen mit anderen Menschen –, also die Gesamtwahrnehmung des Wertes des (eigenen) Lebens. Wie Kamiya vertritt damit auch Tsukasa eine eher westliche Sichtweise, in der er die japanische Gesellschaft wie ein von negativen Aspekten befreites Amerika sieht, ohne Gewalt, Drogen und Zynismus, in dem das Individuum – ohne Zwang durch die Gesellschaft – seinen eigenen Traum (er)leben kann.

Der Amerikaner Gordon Mathews, Professor für Anthropologie, verglich Anfang der 1990er Jahre die Präsentation und Wahrnehmung von Ikigai in den japanischen Medien und führte gleichzeitig vor Ort Interviews zu dem Thema durch. Er stellte fest, dass in Zeitschriftenartikeln und Büchern im Laufe der Zeit mehr und mehr Jiko Jitsugen in den Vordergrund rückte, während in seinen Interviews persönliches Ikigai stärker mit Ittaikan im Zusammenhang gebracht wurde. Mathews interpretiert dies in seinen Publikationen als eine langsame Veränderung der japanischen Gesellschaft, die aber individuell mit Verzögerung (lag phase) an- und wahrgenommen werde.[2]

Ikigai als Herausforderung im Ruhestand

Seit einigen Jahrzehnten gibt es in japanischen Unternehmen Bestrebungen, älteren Mitarbeitern bei der Suche nach Ikigai zu helfen. Die Notwendigkeit dieser Unterstützung durch Arbeitgeber wird am Beispiel der „Shōwa-hitoketa-Männer“ (昭和一桁) deutlich, die der Generation der etwa 1926 bis 1935 Geborenen entspricht. Diese Generation war es, die durch harte Arbeit und ohne viel Freizeit nach dem Zweiten Weltkrieg die Basis für die später aufstrebende Wirtschaft Japans legte. Shōwa-hitoketa-Männer werden charakterisiert als „… können nicht tanzen, können nicht Englisch sprechen, wissen nur, wie man Befehle befolgt, essen alles auf, was man ihnen auf den Teller legt, und finden ihr Ikigai nur in der Arbeit“.[2] Erreichen sie das Rentenalter und die vertraute Routine der Arbeit fällt weg, verlieren sie auch ihr Ikigai, sie neigen zu Depressionen und sie werden für ihr Umfeld – besonders für ihre Ehefrauen – zur Belastung.

Die organisierte externe Hilfe bei der Suche nach Ikigai hat aber auch Gegner, die den Standpunkt vertreten, dass bei so einer persönlichen Sache der Selbstfindung und Selbstverwirklichung eine Hilfestellung oder ein Ikigai-Training lächerlich sei und im Prinzip dem eigentlichen Konzept widerspreche.

Apfelblüten – ihr Ikigai ist zunächst die Vollendung als Apfel und später als Baum

Die Ohsaki-Studie

Toshimasa Sone und Mitarbeiter vom Fachbereich Medizin an der Universität Tōhoku, Sendai, Japan, führten ab 1994 eine siebenjährige Longitudinalstudie mit 43.391 erwachsenen Personen (Alter: 40 bis 79 Jahre) durch, die sie unter anderem auch in Bezug auf Ikigai befragten. Die Forscher umschrieben dabei den Begriff als „Glaube, dass es das eigene Leben wert ist, gelebt zu werden“; mögliche Antworten waren ja, unsicher oder nein.

Im Zeitraum der Studie verstarben 3.048 Probanden (7 %). Bei der folgenden statistischen Auswertung wurden auch Faktoren wie Alter, Geschlecht, Ausbildung, Body-Mass-Index, Zigaretten- und Alkoholkonsum, körperliche Ertüchtigung, Arbeitsverhältnis, empfundener Stress, Krankengeschichte und eine Selbstbeurteilung der Probanden bezüglich ihrer Gesundheit berücksichtigt. Fast 60 % der Studienteilnehmer hatten ja zum Empfinden von Ikigai gesagt und diese Personen waren zumeist verheiratet, hatten eine Ausbildung, und standen in einem Arbeitsverhältnis; sie gaben an, weniger Stress zu haben, und schätzten sich selber gesünder ein.

Die Auswertung der Todesfälle ergab, dass Personen, die nein in Bezug auf Ikigai angegeben hatten, eine höhere Mortalität aufwiesen als diejenigen, die mit ja geantwortet hatten. Nach Kategorisierung der Todesart wiesen Nein-Sager ein signifikant höheres Risiko bezüglich kardiovaskulärer Erkrankungen und Tod durch externe Faktoren auf; bei Tod durch Krebserkrankung wurde kein signifikanter Unterschied zwischen Ja– und Nein-Sagern gefunden. Die Studie wurde 2008 veröffentlicht.

Die Studie kommt zu dem Schluss, dass die Angabe einer Empfindung von Ikigai die Qualität eines Vorhersagewerts habe: 95 % der Personen mit Ikigai waren nach 7 Jahren noch am Leben, verglichen mit etwa 83 % derer, die kein Ikigai empfanden. Ähnliche Aussagen – eine positive Lebenshaltung stehe in Verbindung mit physischer Gesundheit und dadurch mit einer höheren Lebenserwartung – werden auch durch andere Autoren bestätigt.

Diese Website wird ständig verbessert, um Sie optimal mit Informationen zu versorgen. Diese Unterseite wurde letztmalig am 24. April 2020 aktualisiert.
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🙂 Ich wünschen Ihnen einen wunderbaren und inspiriertenTag! 🙂
Bleiben Sie gesund! Achten Sie auf Ihr inneres Gleichgewicht. Übernehmen Sie Verantwortung für sich und Ihre Lieben.

Aktuell finden Sie auf meinen Coachingseiten viele Pflanzenbilder. Sie sollen Sie daran erinnern, die Kraft der Natur zu nutzen. Machen Sie falls irgend möglich Spaziergänge oder Radtouren, telefonieren Sie dabei auch mit guten Freunden. Planen Sie ganz bewusst Zeit fernab von Computern. Gehen Sie auch alleine raus, um der für viele Menschen konfliktsteigernden Enge in den eigenen vier Wänden zu entgehen.
Das Wichtigste: Bleiben Sie gesund! 🙂

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